1848-1914: Die Schweiz wird Einwanderungsland

Bei der Gründung des Bundesstaates im Jahr 1848 ist die Schweiz ein armes, rückständiges Land. Viele verarmte Schweizerinnen und Schweizer müssen auswandern. Doch die Zusammenarbeit der Kantone im neuen Bundesstaat bringt Schub und beflügelt die Industrialisierung. Bald wird die Schweiz zum Einwanderungsland.

1848: Erinnerungsblatt an die erste Schweizer Bundesverfassung

Im Jahr 1848 bekommt die Schweiz ihre erste Bundesverfassung. Der neue Bundesstaat hat nun ein Parlament, eine Regierung und Gesetze, die in der ganzen Schweiz gültig sind. Das nebenstehende Bild erinnert an die erste Bundesverfassung. Es versinnbildlicht alles, was zur Schweiz gehört: Auf der einen Seite die verschiedenen Menschen mit unterschiedlichen Berufen, auf der anderen Seite das Militär. Die verschiedenen Uniformen zeigen, dass jeder Kanton bis anhin eine eigene Armee hatte. Auch sind sämtliche 22 Kantonswappen abgebildet. Diese 22 Kantone bilden jetzt eine Einheit, die Schweiz. 

Quelle: Urheber unbekannt, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

1848: Strassenkampf eines Schweizerregiments in Neapel

1848 brechen in ganz Europa Aufstände gegen die Monarchien aus. Nur in der Schweiz gelingt es, eine liberale Demokratie zu errichten. In den anderen Ländern scheitern die Aufstände und ihre Urheber werden verfolgt. Viele finden in der Schweiz Zuflucht.

Gleichzeitig kämpfen Schweizer Truppen in fremden Diensten für die Könige. Das Bild zeigt einen Strassenkampf eines Schweizer Bataillons in Neapel. Das löst in liberalen Kreisen in der Schweiz Empörung aus, doch viele Kantone wehren sich gegen das Verbot von Soldverträgen. Nicht zuletzt scheinen fremde Dienste ein Ventil für die Probleme des Pauperismus zu sein.

Quelle: Gemälde Öl auf Leinwand, Maler unbekannt, Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, LM-3525.

1849: Politische Flüchtlinge aus Europa

Kurz nach der Gründung des Bundesstaates kommen viele Flüchtlinge aus den Nachbarstaaten in die Schweiz. Ganz Europa ist damals in Aufruhr, weil viele Bürger die Monarchien abschaffen und demokratische Regierungen einsetzen wollen. 

Die Schweiz nimmt die Flüchtlinge auf, verbietet ihnen aber, in der Schweiz gegen ihre Regierungen in Frankreich, Deutschland, Österreich oder Italien aktiv zu werden. Man will ein Vorbild für die Neuordnung der Staaten sein, aber sicher keinen Krieg mit den Nachbarn riskieren!

1850: Der neue Schweizer Franken erleichtert das Wirtschaften

1850 wird der Schweizer Franken eingeführt. Vorher gab es viele verschiedene Währungen in der Schweiz. Der Handel wird natürlich einfacher, wenn in der Schweiz alle Leute mit dem gleichen Geld bezahlen. So trug der Schweizer Franken zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes massgeblich bei.

1852: «Saluti di Genova»: Ein letzter Gruss vor der Abfahrt

Wegen der Industrialisierung veränderten sich das Zusammenleben der Menschen und ihre Arbeit enorm. Das Spinnen von Fäden und das Weben von Stoffen verlagerte sich von der Heimarbeit in die stärker mechanisierten Fabriken. Diese Umgestaltung der Wirtschaft führte auch in der Schweiz zu verbreiteter Massenarmut, Kinderarbeit und Alkoholproblemen. Die aus Irland eingeschleppte Kartoffelfäule liess die Ende der 1840er Jahre die  Kartoffelernten einbrechen. In manchen Gegenden der Schweiz verschlimmerten Hungersnöte das Elend der armen Bevölkerungsteile.

So entschlossen sich viele Schweizerinnen und Schweizer, nach Amerika auszuwandern. Oft wurden sie auch dazu gedrängt, weil die Gemeinden keine Armenunterstützung bezahlen wollten. Die Reise wurde mit dem Dampfschiff oder mit dem Segelschiff zurückgelegt – es gab noch keine Flugzeuge! Die nebenstehende Ansichtskarte wurde von Leuten nach Hause geschickt, die sich in Genua einschifften, um nach Amerika zu gelangen. 

Quelle: swissinfo.ch / www.genovacards.com

1855: «More paupers from Switzerland»: Unerwünschte Schweizer Einwanderer

Dauerhafte Massenarmut, der Pauperismus, ist auch in der Schweiz ein Problem. Manche sehen die zu kleinen Bauernhöfe und fehlende Arbeitsmöglichkeiten als Ursache. Andere geben die Schuld eher dem liederlichen Leben oder der Alkoholsucht bestimmter Bevölkerungskreise.

Viele Gemeinden drängen oder zwingen ihre verarmten Mitbürger zur Auswanderung, und sie bezahlen ihnen sogar die Überfahrt nach Amerika. Oft werden diesen Gruppen auch noch jene Leute mitgegeben, welche für die Gemeinden als Belastung empfunden werden: Behinderte, entlassene Strafgefangene, Alkoholsüchtige.

In Amerika sind diese Leute unerwünscht, und am liebsten würde man sie mit dem gleichen Schiff zurückschicken, mit dem sie gelandet sind. Aber die Zurückweisung erweist sich als nicht so einfach, wie dieser Artikel aus der New York Times schildert.

Der Artikel zitiert den Brief des Amerikanischen Konsuls in Zürich, den dieser an den Zollvorsteher im Hafen von New York gesandt hat. Der Zürcher Konsul hat einer Aargauer Zeitung entnommen, dass die Gemeinde Niederwyl (heute Rothrist) 320 ihrer ärmsten Bürger nach New York geschickt habe. Er warnt die amerikanischen Behörden vor dieser Art Einwanderung, da diese «sicher keine sehr wünschenswerte Ergänzung unserer Bevölkerung» darstelle. 

Quelle: The New York Times, March 30, 1855.

Übersetzung des Artikels mit weiteren Hinweisen (PDF)

Das im Artikel genannte Niederwyl heisst heute Rothrist, und die genannte Auswanderung hat effektiv stattgefunden - allerdings reiste die Gruppe nicht nach New York, sondern nach New Orleans - und dies mit dem Segen des US-Konsuls von Le Havre. Details dazu in der Broschüre «Armut, Angst und Hoffnung - Die Rothrister Auswanderung von 1855».

Mehr zum Pauperismus im Historischen Lexikon der Schweiz.

1855: Die Schweiz braucht Ingenieure: Die Gründung der ETH

Bild: Die Eidgenössische Technische Hochschule im 19. Jahrhundert. Die Schweizer Bildungsstätte trohnt selbstbewusst über der Stadt Zürich.

Besonders seit Mitte des 19. Jahrhunderts kommen viele Handwerker, Händler und auch Gelehrte in die Schweiz, hauptsächlich aus Deutschland. Andere kommen aus Italien und arbeiten in Fabriken aber auch auf Baustellen, wo sie helfen, Häuser, Eisenbahnstrecken und Strassen zu bauen. Ausländer waren auch wichtig für die Gründung der Hochschulen. Sie halfen, die Universitäten in Zürich (1833) und in Bern (1834) wie auch die ETH in Zürich (1855) aufzubauen. 

Zu dieser Zeit ist es recht einfach, in die Schweiz zu kommen, um hier zu arbeiten, da die Schweiz Ausländer offen empfängt. Sie kann die Arbeitskräfte gut gebrauchen und insgesamt helfen diese, die Wirtschaft anzukurbeln.

Im Jahr 1855 nahm das Eidgenössische Polytechnikum – die spätere Eidgenössische Technische Hochschule ETH – ihren Betrieb auf. So unterstrich der junge Bundesstaat, wie wichtig ihm die Bildung und der technische Fortschritt waren. Die ETH trat in Zürich neben die Universität, die bereits 1834 gegründet worden war. In beiden Hochschulen stammte fast die Hälfte der Professoren aus dem Ausland – vor allem aus Deutschland. 

An der ETH sollten die Ingenieure und Wissenschafter ausgebildet werden, die der noch junge Staat für seine Industrie und seinen Erfolg brauchte. Die Professoren, die hier unterrichteten, stammten vor allem aus dem Ausland. Auch die Studierenden kamen hauptsächlich aus Deutschland und Russland. Es waren vor allem junge Männer. Erst 1895 erlangte die erste Frau ihr ETH-Diplom als Fachlehrerin in Naturwissenschaften, sie war Schweizerin.

Mehr zur Geschichte der ETH auf deren Website.

1863: Kindermigration: Ein Kaminfegerbub

Seit dem 13. Jahrhundert bis nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sieben- bis vierzehnjährige Knaben aus den Tessiner und Bündner Südtälern nach Italien geschickt, um dort als lebende Besen die Kamine zu reinigen. Am meisten Kinder wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf diese Weise verdingt. Ihre Eltern sahen wegen ihrer Armut keinen anderen Ausweg. Die wenigen Franken, die die Eltern für das Kind erhielten, linderten jedoch keine Not. Entscheidend für das Überleben der Familien war, dass ein paar hungrige Mäuler weniger am Tisch sassen.
 

Quelle: Museo Sonogno Val Verzasca (Creative Commons).

1867: Dampfendes Zeugnis der Industriellen Revolution

 

 

Dampflokomotive Rhein der Schweizerische Nordostbahn im Hauptbahnhof Zürich, um 1867. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts findet in der Schweiz die Zweite Industrielle Revolution statt. Die Entstehung der Metallindustrie in dieser Zeit trägt beträchtlich zum Eisenbahnbau bei, und die Eisenbahn trägt dann ihrerseits wieder zum Handel und zur Versorgung der Bevölkerung bei. 

Die abgebildete Lokomotive stammte ursprünglich von der Schweizerischen Nordbahn (Spitznamen: Spanisch-Brötli-Bahn), die am 1. Juli 1853 von der Schweizerischen Nordostbahn übernommen wurde.

Quelle: Wikimedia Commons

1868: Die Erfindung der Personenfreizügigkeit: Abkommen mit Italien

Das Abkommen ermöglicht der Schweiz unter anderem den Bau wichtiger Verkehrsnetze. Das Bild zeigt zwei Bauarbeiter des Simplontunnels mit einer Kiste Dynamit (1895). Der Tunnel wird von Italien und der Schweiz gemeinsam gebaut.

Quelle: Ringraziamo Marco Casali and Paola Vozza del Archivio Iconografico del Verbano Cusio Ossola

www.archiviodelverbanocusioossola.com

1868 schliessen die Schweiz und Italien zum ersten Mal einen Vertrag über die Ein- und Auswanderung ihrer Bürgerinnen und Bürger ab. In dem Abkommen steht, dass die Ein- und Auswanderung von Italienern in die Schweiz und von Schweizern nach Italien frei ist. Dieses erste Abkommen über die Personenfreizügigkeit zeigt, wie offen die Länder damals der Einwanderung gegenüberstanden.

So steht in der Einleitung des Vertrages: «Der Bundesrat der Schweizerischen Eidgenossenschaft und Seine Majestät der König von Italien [haben beschlossen], von dem Wunsche geleitet, die freundschaftlichen Beziehungen, welche zwischen beiden Nationen bestehen, zu erhalten und zu befestigen und durch neue und freisinnigere Stipulationen dem nachbarlichen Verkehr zwischen den Bürgern beider Länder eine grössere Entwicklung zu geben.»

Das oben Geschriebene tönt komplizierter als es ist: Stipulationen sind Abmachungen. Und abgemacht wird, dass beide Länder in Freundschaft den Verkehr von Leuten und Waren erleichtern. Das Abkommen gilt von 1848 bis 1914. Menschen aus Italien dürfen in dieser Zeit also wann immer sie wollen in die Schweiz kommen um hier zu arbeiten und mit ihren Familien zu leben – wo immer sie wollen. Genauso können Menschen aus der Schweiz nach Italien gehen.

1872: Arbeiter gesucht: Bau des Gotthardtunnels

Bauarbeiter in Airolo beim Bau des Gotthardtunnels (1872–1880). Das Abkommen mit Italien von 1868 ermöglichte auch den Bau des Gotthardtunnels. Ohne die Hilfe zahlreicher ausländischer Arbeiter hätte dieser Bau nicht bewältigt werden können.

Zwischen 1850 und 1880 wandern schätzungsweise 105'000 Menschen in die Schweiz ein. Zwischen 1888 und 1910 sind es rund 260'000 Ausländerinnen und Ausländer. Die meisten kommen aus Deutschland und Italien: Zwischen 1888 und 1919 verdoppelt sich die Zahl der Deutschen von 112'000 auf 220'000, während die italienische Gemeinde zwischen 1900 und 1910 von 117'000 auf 203'000 wächst.

Quelle: Wikimedia Creative Commons

1874: Ein Bürgerrecht für die ganze Schweiz

Ritt in den Abgrund?

Dieses Flugblatt von 1872 wendet sich gegen die bevorstehende Änderung der Bundesverfassung. Diese will zahlreiche kantonale Rechte einheitlich regeln und dem Bund unterstellen. Die Föderalisten (Gegner des Zentralstaats) befürchten, dass Helvetia damit in den Abgrund reite. 1874 wird die Änderung der Bundesverfassung in der Volksabstimmung angenommen.

Jetzt regelt der Bund gesetzlich den Erwerb und Verlust des Bürgerrechts – und nicht mehr die einzelnen Kantone. Auch die Niederlassungsfreiheit wird erweitert. Und neu wird die Glaubens- und Kultusfreiheit auf alle Glaubensgemeinschaften ausgedehnt. Sie gilt jetzt nicht mehr nur für die christlichen Konfessionen. Auf diese Weise wird die Binnenmigration in der Schweiz erleichtert.

Im gesamtschweizerischen Bürgerrecht ist unter anderem eine neue Regel über die Einbürgerung festgelegt: Als Ausländer(-in) muss man wenigstens zwei Jahre in der Schweiz gewohnt und gearbeitet haben, bevor man einen Antrag zur Schweizer Bürgerschaft stellen darf.

Quelle: Flugblatt der Föderalisten (Gegner des Zentralstaats) gegen die Revision der Bundesverfassung von 1872. Eine zweite, mildere Fassung der Revision wurde 1874 von Volk und Ständen angenommen.

Schweizerische Nationalbibliothek Bern.

1880: Die Schweiz wird ein Einwanderungsland

Ab 1880 wandern zum ersten Mal mehr Menschen in die Schweiz ein als Schweizerinnen und Schweizer ins Ausland auswandern. Das bedeutet, dass die Schweiz zu einem Einwanderungsland wird. Der Ausländeranteil steigt immer mehr an, so dass er vor dem Ersten Weltkrieg 14,6% beträgt. Das bedeutet: von 20 Menschen, die in der Schweiz leben, sind 3 Ausländer. 

Quelle: Arlettaz, Gérald (2000). La Suisse, terre d‘émigration et d‘immigration. Panorama.

1880 gibt es zum ersten Mal mehr Ein- als Auswanderung in der Schweiz. Während 1870 noch 5,7% Ausländer(-innen) in der Schweiz waren, sind es um 1900 bereits 11,6%. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg (1910) sind es 14,7%. Die Schweiz entwickelt sich also zu einem sogenannten Einwanderungsland in das mehr Menschen einwandern als auswandern.

1881: Nicht alle wollen Fabrikarbeiter:innen werden. «Bernstadt» in Kentucky

Die Schweizer Kolonie «Bernstadt» in Laurel (Kentucky, USA) im Jahr 1881. Die Industrialisierung verändert die Schweizer Wirtschaft. Vor allem Bauern verlieren ihre Existenzgrundlage, wollen aber nicht unbedingt Fabrikarbeiter:innen werden. Viele wandern nach Nord- oder Südamerika aus. Während des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts wird Amerika zum wichtigsten Auswanderungsgebiet nach Übersee. Das Bild zeigt eine Schweizerkolonie. Die Vermessungsinstrumente im Vordergrund deuten darauf hin, dass hier gebaut werden soll. 

Quelle: Bundesarchiv Bern

1887: Völkerschau in Zürich (!Warnung: Verstörendes, rassistisches Bild!)

Von 1835 bis in die 1960er Jahre war in der Schweiz das Zurschaustellen «exotischer» Menschen in sogenannten Völkerschauen ein Massenvergnügen. Die Völkerschauen wurden häufig in Zoos und Zirkussen, aber auch in Theatern und eigens erstellten «Negerdörfern» gezeigt. 

Die hier abgebildete Truppe trat 1887 als sogenannte Buschmann-Hottentotten-Truppe oder «südafrikanische Carawane» im Zürcher Gasthaus Plattengarten auf. Die Mitglieder der Truppe stammten aus Südafrika und standen unter Vertrag von zwei deutschen Kaufleuten, welche eine Tournee durch Deutschland und die Schweiz organisierten. Die Männer, Frauen und Kinder stammten aus verschiedenen Ethnien, sie mussten einfach möglichst wilde Afrikaner mimen.

Die Darstellen in solchen Völkerschauen wurden oft mit falschen Versprechungen gelockt und nach Europa gebracht. Sie hatten unter den demütigenden Shows und dem Rassismus der Zuschauer zu leiden, viele wurden krank oder starben während den Tourneen.

Quelle: LWL-Archivamt für Westfalen, Best. 840-28 Nr. 1, Nachlass Landois, Tuckesburger Tagesereignisse. Das Foto ist im Original auf S. 10 zu finden. Die Bildunterschrift lautet: Nubier. Hottentottin. Foto Hagemann, Münster.

Literaturhinweis: Rea Brändle, Wildfremd, hautnah. Zürcher Völkerschauen und ihre Schauplätze 1835-1964, Erweiterte Neuausgabe, Rotpunktverlag, Zürich 2013.

1888: So geht Fortschritt: Das erste elektrische Tram

Ende des 19. und anfangs des 20. Jahrhunderts findet die Zweite Industrielle Revolution statt. Dabei entwickeln sich vor allem Industriesektoren wie der Maschinenbau, die Chemie und die Elektrotechnik. Diese Zeit bringt das erste elektrische Tram der Schweiz hervor, das ab dem Jahr 1888 zwischen Vevey und Chillon in der Westschweiz fährt. 

Quelle: VMCV SA, Transports publics, Clarens

1890: «Willst du mit mir nach Amerika, Giulietta?»

Vuoi tu venire con me Giulietta? (Link zu Youtube-Film)


Übersetzung:

Willst du mit mir kommen, Giulietta?
Willst du mit mir nach Amerika kommen?
Ja, ich würde mit dir kommen,
wenn es hier in Mailand wäre!
Aber nach Amerika, 
das ist viel zu weit!

1893: Prügel für Ausländer: Der «Käfigturmkrawall»

Die Schweizer Gesetze und die Verträge mit anderen Staaten regelten die Ein- und Auswanderung freizügig. Trotzdem gibt es in dieser Zeit auch negative Reaktionen in der Bevölkerung gegenüber von Ausländern. 

1893 demolieren zum Beispiel arbeitslose schweizerische Bauarbeiter Baugerüste und verprügeln italienische Bauarbeiter in Bern. Die einheimischen Arbeiter werfen den ausländischen vor, für zu wenig Lohn zu arbeiten. Bald - so fürchten sie - müssten auch sie selbst für weniger Lohn arbeiten. Die Polizei nimmt daraufhin 14 Randalierer fest und sperrt sie im Käfigturm ein. Eine Protestversammlung verlangt ihre Freilassung und versucht, sie gewaltsam aus dem Käfigturm zu befreien. Da die Polizei die Protestierenden trotz Gewaltanwendung nicht vom Käfigturm vertreiben kann, muss schliesslich die Armee eingreifen, um den Krawall aufzulösen. Dieser Vorfall wird heute als «Käfigturmkrawall» bezeichnet.

1896: Schweizer Arbeiter randalieren gegen italienische Kollegen

Drei Jahre nach dem «Käfigturmkrawall» in Bern kommt es auch in Zürich zu einem Aufstand. Bei einem Streit sticht ein italienischer Maurer einen Elsässer nieder. Daraufhin geht eine Menschenmenge während mehrerer Tage auf Italiener los und zerstört nicht nur ihre Restaurants, sondern auch Wohnungen. Auch hier muss das Militär einschreiten, um den Krawall aufzulösen. Die randalierenden Schweizer werfen ihren italienischen Kollegen vor, dass diese zu kleineren Löhnen arbeiten als sie selber. Die Schweizer fürchten, dass so auch ihre Löhne sinken. Am 9. August 1896 berichtet sogar die in Rom erscheinende Zeitung «Corriere della Domenica» davon.

Quelle: Bundesarchiv Bern

1897: Maggi-Suppe statt Brot und Schnaps

Im Jahr 1886 wird erstmals die Maggi-Fertigsuppe hergestellt und verkauft. Dieses Schweizer Produkt ist noch heute weltberühmt! Und es ist Teil einer Umwälzung, die wir heute «Industrielle Revolution» nennen. 

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts werden dank der neu entdeckten Dampfkraft Fabriken gebaut, wo Güter schneller und günstiger hergestellt werden können. Zu Beginn sind dies vor allem Textilien und Metallwaren. Wegen der grossen Umwälzungen, die dadurch in der Arbeitswelt ausgelöst werden, nennt man diese Zeit die «Industrielle Revolution». 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beschleunigen sich die Veränderungen noch. Jetzt werden die Möglichkeiten der neu entdeckten elektrischen Energie genutzt. Mit ihr können Maschinen und Lokomotiven angetrieben werden, und die Fabrikhallen können abends beleuchtet werden. Das Eisenbahnnetz wird in dieser Zeit weiter ausgebaut, es entstehen der Gotthard- und der Simplontunnel. Menschen und Güter können jetzt viel besser und schneller transportiert werden. 

In den Fabriken werden jetzt mehr Menschen gebraucht und somit gibt es mehr Arbeitsstellen. Auch werden Leute gesucht, die besonderes Wissen mitbringen, um die Produkte zu verbessern. Insbesondere Deutsche und Engländer wandern in dieser Zeit ein und sie bringen das Fachwissen mit, das zum Aufbau der schweizerischen Maschinenindustrie beiträgt. 

Den Arbeiterinnen und Arbeitern in den Fabriken geht es nicht besonders gut. Sie müssen viel arbeiten und sind häufig schlecht ernährt. Die Arbeiterinnen finden nicht mehr genug Zeit und Kraft, für die Familien zuhause zu kochen. Kalte Speisen und Alkohol ersetzen oft warme Mahlzeiten. Dies führt zu Krankheiten, weshalb auch Kinder sterben müssen. So entwickelt Julius Maggi in seiner Mühle in Kemptthal (Kanton Zürich) neue Lebensmittel. Um die Ernährung der Leute zu verbessern, stellt er Lebensmittel aus eiweisshaltigen Gemüsen her. Diese werden in der Fabrik so getrocknet, gemahlen und gewürzt, dass man daraus schnell eine gesunde Mahlzeit herstellen kann. Seit 1886 wird die Maggi-Fertigsuppe hergestellt. Sie ist selber ein industriell hergestelltes Produkt und verweist gleichzeitig auf die menschlichen Nöte, die mit der Industrialisierung einher gingen. 

In dieser Zeit entwickelt sich neben der Lebensmittelindustrie auch die Elektrotechnik und die chemische Industrie. Wir sprechen für diese Zeit von der «zweiten Industriellen Revolution».

1898: Auswanderer auf einem überfüllten Dampfschiff

Die Industrialisierung verändert die Schweizer Wirtschaft. Vor allem viele Bauern verlieren ihre Existenzgrundlage und ziehen es daher vor, nach Nord- oder Südamerika auszuwandern. Die Auswanderung findet damals per Schiff statt. Es gibt noch keine Flugzeuge! 1883 kostet die Reise von Basel nach New York mit allen Nebenkosten 150 Franken. Die Dauer der Schiffspassage beträgt 10 bis 15 Tage. Zudem sind die Dampfer oft hoffnungslos überfüllt, wie dieses Bild zeigt. 

Quelle: Library of Congress

1900: Zeuge der Industrialisierung: Georg Fischer AG im Schaffhauser Mühlental

Mit der Industrialisierung im 19. und anfangs des 20. Jahrhunderts nimmt die Nachfrage nach ausländischen Arbeitskräften immer mehr zu. Dank eines liberalen Einwanderungsregimes – in dem sich die Einwanderer frei niederlassen können und arbeiten dürfen – wandern zunehmend Arbeiter aus den Nachbarländern in die Schweiz ein. Diese tragen beträchtlich zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes bei.

Das Bild zeigt das Eisen- und Stahlwerk Georg Fischer in Schaffhausen, das um die Jahrhundertwende vom Familienbetrieb zum Grossunternehmen wird.

Quelle: Keystone/Photoglob/Photochrom Collection

1903: Erfolgreich im Transithandel: Die Gebrüder Volkart

Im Jahr 1851 gründeten zwei Brüder aus Winterthur das Handelshaus Gebrüder Volkart in Bombay, Indien. Wegen der protektionistischen Wirtschaftspolitik der europäischen Grossmächte waren ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten in der Schweiz sehr beschränkt. Deshalb suchten die Gebrüder Volkart ihr Glück in Übersee. Bald konzentrierten sie sich auf den Handel mit Baumwolle. Dabei kam ihnen zugute, dass die britische Kolonialmacht Indien militärisch beherrschte und für den Transport der Baumwolle Eisenbahnlinien und Häfen baute, um ihrerseits ihre Textilfabriken mit dem Rohstoff zu beliefern.

Das Handelshaus der Gebrüder Volkart handelte im Schatten der britischen Kolonialherrschaft sehr erfolgreich. Bis in die 1880er Jahre gründete es sechs weitere Filialen in Indien. Das Bild zeigt das Büro des Handelshauses in der Filiale Karachi (heute Pakistan) im Jahr 1903.

Mehr dazu finden Sie im lesenswerten Artikel von Pascale Meyer im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums: Das Schweizer Geschäft mit Indien.

Quelle: Stadtarchiv Winterthur, Firmenarchiv Gebr. Volkart, Dep 42/1695.6

1905: Zeuge der Industrialisierung: Farbenfabrik Geigy

Farbenfabrik von Geigy am Riehenring in Basel um 1900. Ende des 19. und anfangs des 20. Jahrhunderts findet die Zweite Industrielle Revolution statt. Dabei entwickeln sich vor allem Industriesektoren wie der Maschinenbau, die Chemie und die Elektrotechnik. Die Chemieindustrie stellt nicht nur Heilmittel her, sondern auch Chemikalien und Farbstoffe. 

Quelle: Firmenarchiv Novartis

1914: Der Ausbruch des Krieges führt zur grossen Rückkehr

Im August 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus. Viele italienische Emigranten kehren deshalb in ihr Heimatland zurück. Es sind ca. 200 000 italienische Emigranten, die nicht nur von der Schweiz aus, sondern auch von Deutschland, Frankreich und Belgien über die Schweiz nach Italien fahren. Viele von ihnen durchqueren die Stadt Basel. Das Bild zeigt italienische Rückkehrende, die auf einem Fussballplatz in Basel auf ihre Weiterfahrt warten. Der Konsumverein verteilt an die Wartenden Milch und Brot. 

Foto: 4. Aug. 1914, Rückkehrende auf der Pruntruttermatte in Basel

Quelle: Fotoarchiv Felix Hoffmann Basel, Inv.-Nr. ABC 235

Der Erste Weltkrieg (1914-1918) wird zwischen den sogenannten «Mittelmächten» und der «Entente» geführt. Die Mittelmächte sind Deutschland und Österreich, später kommen die Türkei und Bulgarien dazu. Die Entente («Einvernehmen», Bündnis), besteht aus Frankreich, England, Russland, Serbien und Montenegro, später kommen Italien und die USA dazu. Der Krieg dauert bis 1918 und endet mit der Niederlage der Mittelmächte. Ungefähr 17 Millionen Menschen verlieren im Krieg ihr Leben! 

Die Schweiz ist an diesem Krieg nicht militärisch beteiligt. Doch ist sie nicht weit vom Kriegsgeschehen entfernt. Vor dem Ausbruch des Kriegs hatte die Schweiz mit den Nachbarländern einen regen Austausch von Rohstoffen, Waren und Arbeitskräften. Jetzt hat sie nur noch wenige Handelspartner. Es fehlt ihr an Kohle und Metall, und viele Leute verlieren ihre Arbeit. Für diese Menschen wird das Leben sehr hart. Sie können kein Geld verdienen und ihre Familien kaum mehr ernähren. 1918 gibt es deswegen einen grossen Streik, den Landesstreik.